Otl Aicher

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Otl AicherOtl Aicher war einer der bedeutendsten Gestalter der Nachkriegszeit. Er prägte diese Zeit weit über seine gestalterische Arbeit hinaus. Zum Beispiel als Mitbegründer und späterer Rektor der Ulmer Schule. Er entwickelte das Corporate Design der Olympischen Spiele 1972 in München, die durch ihn zu den »fröhlichen Spielen« wurden. Und er schuf Erscheinungsbilder für Braun, die Lufthansa, FSB, ERCO und andere bis heute teilweise unverändert auftretende Unternehmen.

Er war in seiner Stringenz und seinem vernetzten Denken Wegbereiter der Corporate Identity. Er entwarf mit der Rotis eine heiß diskutierte Schrift, die heute aus Erscheinungsbildern und Geschäftsberichten nicht mehr wegzudenken ist. Sein Grundlagenwerk typographie geht weit über eine Gestal tungslehre hinaus. Es ist ein typografisches Manifest. Dennoch war es viele Jahre nicht lieferbar und drohte, in Vergessenheit zu geraten. Einigen typografischen Standpunkten von Otl Aicher kann man durchaus kritisch gegenüber stehen. Aber die Auseinandersetzung mit Typographie sollte fester Bestandteil der visuellen Kommunikation in Studium und Alltag sein. Deshalb haben wir uns für diesen Reprint stark gemacht.

Otl Aicher Biographie

Otl Aicher stammte aus einem den Nationalsozialisten kritisch gegenüberstehendem Umfeld und war gut befreundet mit den Geschwistern Scholl. Er war Mitglied der bündischen Jugend und weigerte sich, der Hitler-Jugend beizutreten, daher war er 1937 inhaftiert und bekam 1941 sein Abitur aberkannt. Dennoch wurde ihm 1941 bei seiner Einberufung in die Wehrmacht eine Offizierslaufbahn angeboten, die er jedoch ablehnte. Konsequent verschloss er sich jeder Aufstiegsmöglichkeit im Militär. Aufgrund einer selbst beigebrachten Verletzung konnte er eine Zeitlang dem Kriegsdienst entgehen und stand 1943 Familie Scholl bei, als Hans und Sophie wegen ihrer Mitgliedschaft in der Weißen Rose verurteilt und hingerichtet wurden. Anfang 1945 desertierte Aicher und versteckte sich bei den Scholls auf dem Bruderhof in Ewattingen.

1946 begann er ein Studium der Bildhauerei an der Akademie der Bildenden Künste in München. Schon im Jahr darauf eröffnete er sein eigenes Atelier in Ulm.

1952 heiratete er Inge Scholl, die Schwester von Hans und Sophie Scholl. Gemeinsam mit ihr war er Mitgründer der Ulmer Volkshochschule 1946. Er entwarf und gestaltete in diesem Zusammenhang beispielsweise für die zahlreichen öffentlichen Vorträge in der Martin-Luther-Kirche die Plakate. Mit Max Bill und seiner Frau leistete er bereits seit Ende der 1940er Jahre theoretische und konzeptionelle Vorarbeiten für eine eigene Hochschule für Gestaltung, die 1953 mit der Grundsteinlegung am Kuhberg in Ulm realisiert wurden. Er wurde Dozent für Visuelle Kommunikation.

1956 wurde er, nach dem Austritt Max Bills, Mitglied eines Rektoratskollegiums, bevor er von 1962 bis 1964 alleiniger Rektor wurde. Nebenbei hatte er Gastprofessuren in Yale und Rio de Janeiro. 1968 wurde die HfG wegen der Streichung von Fördergeldern durch die CDU/SPD-Landesregierung unter dem Ministerpräsidenten Hans Filbinger geschlossen.

Von 1967 bis 1972 war er Gestaltungsbeauftragter der Olympischen Spiele von München, wofür er ein bis heute international weit verbreitetes System von Piktogrammen als Wegweiser entwickelte. Im Anschluss daran zog er nach Rotis ins Allgäu (heute ein Ortsteil von Leutkirch im Allgäu). Dort gründete er 1984 das Rotis Institut für analoge Studien und entwickelte in den Jahren darauf die Rotis-Schriftfamilie.

Otl Aicher war wichtiger Mentor der Zeitschrift archplus.

Otl Aicher verstarb am 1. September 1991 an den Folgen eines Verkehrsunfalls. Er wurde bei der Gartenarbeit vor seinem Haus von einem Motorrad angefahren.

"Otl-Aicher-Realschule" heißt die Realschule Leutkirch künftig und erinnert damit an den weltberühmten Grafiker und Designer der Stadt. Diesen Beschluss fassten Gemeinderat und Schulkonferenz im Sommer 2006.

Otl Aicher Lebenswerk

Die bekanntesten seiner Schaffenswerke sind neben den Piktogrammen die von ihm entwickelten visuellen Erscheinungsbilder für Firmen wie Deutsche Lufthansa, FSB, ZDF, ERCO Leuchten, Flughafen Frankfurt, Durst Phototechnik, Westdeutsche Landesbank, Dresdner Bank, Sparkasse, Raiffeisen, Bayerische Rück, Bulthaup Küchen, Schulz Bürozentrum sowie den Severin und Siedler Verlag. Der heute geläufige Begriff der Visuellen Kommunikation ist auf seine theoretische Arbeit zurückzuführen. Ebenso ist Otl Aicher einer der Wegbereiter der Corporate Identity, die er vor allem bei der Münchner Olympiade mit einem durchgreifenden Design von der Uniform bis zum Eintrittsticket belegt, aber auch bei Unternehmen wie der Lufthansa umsetzt.

Otl Aicher ist mit seiner Arbeit möglicherweise der für die Nachkriegserscheinung Westdeutschlands einflussreichste Gestalter gewesen. Da seine gesamte Haltung in konsistenter Weise auf den Erlebnissen im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus beruht, kann der Erfolg der optischen „Läuterung“ deutschen Designs und deutscher Unternehmen (Lufthansa!) nach dem Krieg oftmals ihm zugeschrieben werden. Der Zusammenhang mit der Familie Scholl (Robert Scholl, der Vater der Geschwister Scholl war nach dem Krieg der erste Ulmer Bürgermeister) ist dabei kein Zufall, sondern u. a. in Gestalt der die Ulmer Hochschule für Gestaltung ermöglichenden amerikanischen Stiftung eine Basis für seinen Erfolg.

Angesichts der großen Bedeutung, die Otl Aicher erlangt hat, fällt auf, dass er sich in seiner gesamten Arbeit auch auf große Vorbilder und vorhandene Ideen bezogen hat. Sein (später gescheiterter) Versuch der Integration des Schweizer Künstlers Max Bill in die Ulmer Hochschule für Gestaltung läuft parallel mit einer inhaltlichen Anlehnung an grafische und typografische Lehrmeinungen dieses Gestalters (Layout-Raster, Flattersatz, serifenlose Schriften, radikale kleinschreibung).
Schriftmuster der Rotis SemiSans

Ebenso benutzt Otl Aicher weitgehend durch andere Typografen vorgelegte Schriften für sein Lebenswerk, so u. a. die Univers von Adrian Frutiger für die Olympischen Spiele in München, bevor er erst gegen Ende seines Schaffens mit der Rotis eine breit diskutierte Schrift entwickelt:

Die Rotis. Mit dieser nach seinem Wohnort im Allgäu benannten Schrift konnte er erneut das Feld optischer Erneuerung besetzen, indem diese – im Übrigen als Fließtext nicht in jeder Hinsicht als optimal empfundene – Schriftfamilie bis in Markenerscheinungen der jüngsten Zeit Erfolge hatte (u. a. Audi, ERCO Leuchten, etc.)

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